Erfahrungsbericht 12

Hallo! Als Betroffene von der Sucht nach Kartenlegen, möchte ich zu deiner Seite gerne etwas beitragen. Ich bin froh, dass ich nicht die einzige bin, die mit diesem Problem konfrontiert ist. 

Zunächst will ich sagen, dass ich auf einen sehr steinigen und heftigen Lebensweg zurückblicke, der bereits in der Kindheit begann.

Selbstsicherheit und Urvertrauen waren immer Fremdwörter für mich. Mit Ende 20 wurde ich seelisch sehr krank und erst jetzt, mit Anfang 40, kommt nach und nach Licht ins Dunkel. 

Ich war immer auf der Suche nach der großen Liebe – nach Liebe im Allgemeinen, die ich nie erfahren hatte. Ich liebte mich selbst auch nie und hatte große Schwierigkeiten damit, mich im Leben zurechtzufinden. Klar, dass man dann anfällig für Süchte aller Art ist. Die schlimmsten davon hatte ich irgendwann überwunden, doch das Kartenlegen hält sich seit mittlerweile 20 Jahren sehr hartnäckig. Manchmal gab es Pausen dazwischen, doch eigentlich habe ich schon immer Hellseher bzw. Kartenleger konsultiert. 

Ich bin selbst eine sehr feinfühlige Person mit einer extrem stark ausgeprägten Intuition. Deshalb schien es mir immer irgendwie sehr logisch, dass man bestimmte Dinge vorher schon wissen kann. Und auch, dass bestimmte Dinge in unserem Leben irgendwie vorherbestimmt sein müssen. Doch irgendwann habe ich erkennen müssen, dass man die Zukunft nicht auf Teufel komm raus vorher wissen und schon gar nicht kontrollieren kann. Mich hat die Angst vor der ungewissen Zukunft und mein mangelndes Selbstvertrauen in die Sucht getrieben. Doch in den letzten Wochen, in denen ich wieder extrem viel Geld für Berater ausgegeben habe (obwohl ich in einer finanziell sehr schwierigen Situation stecke), habe ich erkennen müssen, wie saugefährlich mein „Hobby“ ist.

Ich habe mehrere Berater zu diversen Themen kontaktiert. Manchmal ähneln sich die Aussagen und manchmal driften diese soweit auseinander, wie Tag und Nacht. Vor einigen Tagen habe ich einen Mann kennengelernt, den ich sehr sympathisch finde und der mir sehr nett und freundlich begegnete. Natürlich musste ich sofort bei Lines anrufen, um zu hören, ob da nun die nächste Katastrophe auf mich wartet, oder ob man einmal eine einigermaßen gute Erfahrung machen könnte. Die eine sagt: Das wird dein fester Partner. „Der steht gut da und geht offen auf die Welt zu.“ Die nächste sagt: „Der leidet unter Depressionen und hat noch eine Frau im Kopf. Eventuell ist er erst frisch getrennt. Hm… Zu einem anderen Mann, der mich in der Vergangenheit intensiv begleitet hat, habe ich auch immer unterschiedliche Aussagen bekommen. Von „Der ist dein Lebenspartner“, über „Das wird nie eine reale Partnerschaft“ bis hin zu „Der ist vom Teufel bessesen“, war alles dabei.

Ich bin eigentlich eine überdurchschnittlich intelligente Frau mit einem sehr wachen und scharfen Verstand. Doch meine „Schwächen“ haben dazu geführt, dass ich immer wieder Kartenlegerinnen angerufen habe, trotz all der Widersprüchlichkeiten, die ich in meiner langen „Karriere“ damit erfahren habe. Eingetroffen ist bisher nämlich wirklich noch nie etwas. In 20 Jahren nicht!


Ich bin vor allem so erschrocken über mich selbst, dass ich nun überhaupt nicht mehr unvoreingenommen auf meine neue Bekanntschaft einlassen kann. Es ist ja schon schlimm genug, dass ich durch meine Verletzungen generell sehr ängstlich und kritisch eingestellt bin. Doch die vielen unterschiedlichen Aussagen, haben dies nur noch verschlimmert. 


Wenn man von dieser Sucht befallen ist, dann muss einem klar sein, dass dies daran liegt, dass man unglaubliche Ängste hat. Und diese Ängste sind bei einem guten Psychologen, Therapeuten oder Coach wesentlich besser aufgehoben, als bei einer psychologisch null ausgebildeten Kartenlegerin. Viele Betroffene leiden unter schweren Kindheitstraumatisierungen, die eine starke Verunsicherung der eigenen Person mit sich bringen. Diese kann man durch Kartenlegen nicht heilen und solange man sie nicht heilt, bleibt man süchtig – ob nun nach destruktiven Beziehungen (mit Narzissten), Alkohol, Drogen oder eben Kartenlegen.

Ich denke, das was wirklich hilft ist, sich immer wieder zu sagen „Ich bin jeder Situation in meinem Leben gewachsen!“ Und an seiner inneren Stärke und seinem Urvertrauen zu arbeiten.Wenn man sich für neue, positive Erfahrungen öffnet, dann kommen diese auch Schritt für Schritt. 


Ich bin auch sehr wütend und verzweifelt darüber, dass ich mir selbst so wenig zutraue und „zu schwach“ dazu bin, die Dinge einfach mal auf mich zukommen zu lassen. Doch ich weiß, dass dies eben die Nebenwirkung meiner diversen Verletzungen ist, die ich aber Stück für Stück heilen kann. Ich wünsche jeder einzelnen Betroffenen, dass sie / er den Mut dazu besitzt, sich vom Kartenlegen loszusagen. Es ist so unglaublich gefährlich!

Durch die Aussage eines anderen Menschen verändert sich unsere Perspektive. Wir bekommen eine negative Sicht auf etwas Gutes oder reden uns schön, was nicht schön ist. Die Karten haben keine Macht. Und Berater wissen nichts, was wir nicht ohnehin schon selbst wissen – sofern wir richtig hinhören und hinfühlen. Wenn sich etwas gut anfühlt, dann ist es auch gut für uns. Und wenn sich etwas schlecht und schmerzhaft anfühlt, dann ist es nicht gut für uns. Und allein danach muss man sein Handeln ausrichten.